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Sehr geehrtes Publikum

Sehr geehrtes Publikum



Pit Holzwarth

 

die gegenwärtige Welt wird in atemberaubender Geschwindigkeit beschleunigt und paradoxerweise nimmt ihr empfundenes Gewicht und die Schwere trotz des rasenden Tempos unablässig zu. Die Welt in unserem Kopf und unser Kopf in der Welt verstehen sich kaum mehr, der Zwiespalt wird immer größer. Wir werden erdrückt von einer hochkomplexen Realität. Unser Bewusstsein ermüdet im permanenten Wechsel der Eindrücke, Sensationen und Moden der Gegenwart. Man hat das Gefühl, die gegenwärtige Welt explodiert täglich und aus ihrem Staub formieren sich chaotisch Kaskaden des Hasses und fast vergessen geglaubte Kräfte einer scheinbar vergangenen Welt: aggressiver Chauvinismus, Männlichkeitswahn, Krieg und Rassismus.

 

Trump beschwört diese Geister mit »make America great again«, die Macher der britischen Brexit-Kampagne »take back control« träumen von der großen Vergangenheit des United Kingdom, Le Pens Front National phantasiert sich zurück in eine Zeit, in der die Grande Nation noch existierte und der gute Franzose mit dem Franc bezahlte. Putin will sein Land, das seit dem Zusammenbruch des alten Sowjetreiches unter einer Art Phantomschmerz leidet, auch zurück zu alter Größe führen. Und der türkische Präsident ist von der Phantasie besessen, das Erbe des Osmanischen Reiches wieder aufleben zu lassen. Der Rechtspopulist Wilders beschwört weiterhin alte niederländische Traditionen: Windmühlen, Grachten, alten Gouda ohne muslimische Einwanderer. Dieser nostalgisch-autoritäre Nationalismus, auch in seiner deutschen Variante, eint, dass er die offene Gesellschaft bekämpft und ein Gesellschaftsbild von gestern propagiert, ohne Individualismus und Emanzipation. Aber die »Vergangenheit« existiert nicht. Sie wird mit jeder Generation neu erfunden, verändert und vor allem neu und anders erzählt. Im Theater entstehen aus der Zusammenarbeit von Regisseur*innen, Bühnenbildner*innen, Schauspieler*innen und Dramaturg*innen diese neuen Entwürfe und vielstimmigen, heterogenen Bilder unserer Geschichte. Die Theaterbühne löst diesen monolithischen Block: »die Geschichte« auf und erzählt viele Geschichten, polyphon, widersprüchlich, politisch nicht korrekt. So wird das Theater zu einem unverzichtbaren Ort der offenen Gesellschaft, des freien Diskurses einer Stadtgesellschaft. Der Vorhang öffnet sich, und eine andere Wirklichkeit, eine vitale und unbequeme, freche und unerschrockene, vielleicht utopische und wilde erscheint vor Ihnen.

 

Paul Auster sagt: »Wenn man alleine ist, kommt man allmählich drauf, dass man von anderen bevölkert ist. Man ist von anderen Menschen bewohnt, und als Individuum existiert man nur kraft der Verbindung zu anderen. Ich meine nicht nur Familie und Freunde. Ich meine auch die Leute, deren Bücher man gelesen hat.«

 

Und dazu zählen natürlich auch die Leute, deren Theaterstücke man gesehen oder gelesen hat. Öffnen Sie sich für unsere Spielzeit 2017/18, bleiben Sie Ihrem Theater treu, und Elfriede Jelinek, Patti Smith, Bertolt Brecht, William Shakespeare und viele andere mehr werden Bewohner Ihrer inneren Welt werden.


 

 

 

Ihr

Pit Holzwarth

(Schauspieldirektor)

 

 

 

P.S.: Das Theater öffnet Welten und ist selber eine, die Schauspieler*innen wurden an Orten fotografiert, an denen die sich gerne aufhalten.