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Die Blechtrommel
»Zugegeben ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt.«
Wer ist Oskar? Die Frage treibt Regisseur Andreas Nathusius (u. a. »Der blaue Engel«, »Joseph und seine Brüder « und »Die Nibelungen«) um: Oskar Matzerath, hellhörig und geistig voll entwickelt schon als Säugling, beschließt an seinem dritten Geburtstag nicht weiter zu wachsen. Ohne Empathie betrachtet er das Treiben der Großen, Kleinbürger und Scheinheiligen. Völlig von eigenen Begierden und Ängsten gesteuert, bleibt der eigenwillige Zwerg trotzig bis er längst das Erwachsenenalter erreicht hat. Stumm verweigert er sich, nur mit seiner Blechtrommel kommuniziert er und kommentiert den Weltenbrand, sein Schrei lässt Glas zerspringen.

Günter Grass erzählt von unten, aus den Augen Oskar Matzeraths die Geschichte des 20. Jahrhunderts – beginnend in Danzig vor dem Zweiten Weltkrieg bis nach Düsseldorf in die Nachkriegszeit. Oskar, Sohn eines deutschen Nazimitläufers oder eines Polen – das lässt sich nicht abschließend klären –, schließt sich zwei kleinwüchsigen Künstlern an und tritt zum Amüsement der Nazis auf. Am Ende des Kriegs hat Oskar seine Eltern verraten und überlebt, nach Vertreibung und Flucht erfindet er sein neues Leben als Künstler. Eine erstaunliche Wendigkeit hat Grass seinem legendären Schelm eingeschrieben, die Leser auf der ganzen Welt bis heute beschäftigt. »Die Blechtrommel« lädt vielfältig ein, an das Autorenleben anzuknüpfen, ist sie doch Auftakt der »Danziger Trilogie«, in der Günter Grass seine Biographie und einen Bogen europäischer Geschichte mit phantastischem Realismus schreibt. So wie Oskar nie vollends als Wiedergänger des Nobelpreisträgers taugt, spiegelt Grass in seiner Person ein Deutschland der Widersprüche: der mahnende Moralist in der Öffentlichkeit, wegen Blasphemie und Pornographie angefeindet, der legendäre Tänzer, der politische Intellektuelle, der Mitläufer und halsstarrige Penetrant, Proletarier und Künstler, Marketingexperte und ungläubiger Pessimist.

Lübeck erinnerte ihn an seine Heimatstadt Danzig, hier arbeitete er und Lübeck arbeitet mit ihm. Ausgehend von Peter Schanz’ Bühnenfassung des sprachgewaltigen, sinnlichen Romans sieht Andreas Nathusius in der »Blechtrommel « ein Kaleidoskop der Geschichte und Geschichten, einen Kosmos in Günter Grass’ Gesamtwerk seines Lebens, seiner Literatur, Poesie, seinen Bildern, Skulpturen und Dingen. Oskar Matzerath ist kollektiver Knilch, trommelt gegen das feige Geschehen-lassen, im Lübeck der Gegenwart, in unseren Erinnerungen und Vorstellungen.

Wir danken der Interessengemeinschaft Hüxstrasse GbR für die Kooperation im Rahmen der Gestaltung der Schaufensterdekoration zu der Produktion »Die Blechtrommel«.


Foto © Thorsten Wulff


Premiere
01/10/16

Großes Haus
Dauer ca. 2 Stunden, 50 Minuten (eine Pause)

Inszenierung Andreas Nathusius
Ausstattung Annette Breuer
Musik Felix Huber
Video Thomas Lippick
Puppenspiel-Trainer Benno Lehmann
Dramaturgie Anja Sackarendt